Pieter Niehues (Quelle: Inverto)
Pieter Niehues, Principal und Experte für die Immobilienbranche bei Inverto (Quelle: Inverto)

Branche im Blick

14. September 2021 | Teilen auf:

Rohstoffmangel am Bau

Die Baubranche ist nach wie vor vom größten Materialengpass seit 1991 betroffen, wie Umfragen des Ifo-Instituts gezeigt haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Aufgrund der Corona-Pandemie kommt es immer wieder zu Lieferschwierigkeiten. Dies hat in einigen Märkten deutliche Preiserhöhungen zur Folge. Hinzu kommt, dass wegen der Corona-Krise Kapazitäten runtergefahren wurden und der unerwartet stark ansteigenden Nachfrage von Baumaterial, zum Beispiel in den Bereichen Baustahl, Bauholz oder Kunststoffe, immer schwerer begegnet werden kann. Auch das treibt die Preise nach oben. Wie Unternehmen dem begegnen können, dazu hat uns Pieter Niehues, Principal bei Inverto, ein paar Fragen beantwortet. Inverto ist eine Unternehmensberatung für Einkauf und Supply Chain Management in Europa und eine Tochtergesellschaft der Boston Consulting Group.

Was können Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft aktuell tun, um trotz steigender Rohstoffkosten handlungsfähig zu bleiben?

Wenn Rohstoffmärkte aufgrund von Versorgungsengpässen so volatil sind wie heute, müssen Unternehmen in erster Linie sicherstellen, dass sie ihre Materialien überhaupt in ausreichender Menge bekommen. Dies gelingt beispielsweise durch Erweiterung des Lieferantenpools mittels Qualifizierung neuer Lieferanten über breit angelegte Markterkundungen. Dabei sollten Unternehmen nicht nur die klassischen Auswahlkriterien wie Unternehmensprofil und Kosten betrachten, sondern auch die Lieferfähigkeit und die vorgelagerte Supply Chain bewerten.

Eine enge und partnerschaftliche Kooperation mit den Lieferanten erhöht ebenfalls die Versorgungssicherheit, etwa indem Mindestabnahmemengen vereinbart und Lieferpläne abgestimmt werden. Um Mengen korrekt zu ermitteln, benötigen Unternehmen intelligente Forecasting-Methoden. Hier kann Künstliche Intelligenz unterstützen.

Sofern möglich, sollten Kunden mit ihren Lieferanten Festpreise vereinbaren. Zurzeit werden diese nach unserer Erfahrung jedoch nur selten oder lediglich für kurze Zeiträume akzeptiert. Alternativ lässt sich eine gedeckelte Preisgleitklausel vertraglich vereinbaren. Üblich ist eine Neubewertung und Anpassung der Klausel im halbjährlichen Rhythmus.

Für Bauherren ist der Einsatz alternativer Materialien eine weitere Möglichkeit, um Budget und Zeitplan zu halten. Ein professioneller Einkauf sollte den Beschaffungsmarkt regelmäßig nach Alternativprodukten screenen und Ideen zur Optimierung des Spannungsfeldes aus Versorgungssicherung, Kosten, Qualität und Nachhaltigkeit entwickeln. Der Baustoffhandel sollte hier proaktiv agieren und seinen Kunden nachhaltige Lösungsvorschläge anbieten, die sie von sich aus vielleicht noch gar nicht nachfragen. Ein Beispiel wäre etwa der Einsatz von Hanfbeton anstelle von klassischem Beton, was zudem die CO2-Bilanz verbessert.

Inwiefern kann ein aktives Prozess- und Risikomanagement dabei helfen, Preisaufschläge zu begrenzen? 

Generell ist Risikomanagement im Einkauf wichtig, um Risiken im Hinblick auf Qualität, Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit oder Kosten zu minimieren. Hierzu bedarf es eines systematisierten Risikomanagementprozesses mit Früherkennungsmechanismen und vordefinierten Maßnahmen, die ergriffen werden, wenn ein Risiko eintritt. In unserer Risikomanagementstudie 2021 bestätigen circa 60 Prozent der Unternehmen (branchenübergreifend), dass sich Preise mittels proaktivem Risikomanagement stabilisieren lassen.

Wichtig ist dabei, dass die gesamte Lieferkette vom Einkauf überprüft und bewertet wird, nicht nur Tier 1-Lieferanten. Nur so lassen sich tatsächlich Risiken umfänglich erfassen und effektiv minimieren.

Maßnahmen zur Begrenzung von Preisaufschlägen sind zum Beispiel:

·        Hedging für Bauholz und andere an der Börse gehandelte Baustoffe zur Absicherung des Preises über einen festgelegten Zeitraum, zum Beispiel über einen Future-Kontrakt

·        Kooperation mit Lieferanten bei der Beschaffung von Baustoffen und Materialien, um die Nachfragemacht zu erhöhen

·        Entwicklung von neuen Lieferanten, um zusätzliche Beschaffungsquellen aufzubauen oder kosteneffiziente Lieferanten mit beispielsweise logistisch günstig liegenden Produktionsstätten zu etablieren und Logistikkosten zu senken

Welche Rolle spielt hierbei die Einkaufsorganisation eines Unternehmens?

Der Einkauf spielt eine entscheidende Rolle, denn er hat einen umfassenden Blick auf Abläufe und Märkte auf der Beschaffungsseite eines Unternehmens. Auf dieser Basis kann er passgenaue Strategien je nach Marktsituation entwickeln sowie mit den unternehmensinternen Stakeholdern abstimmen und umsetzen. Außerdem managt der Einkauf das Lieferantennetzwerk des Unternehmens, was ein großer und nicht zu unterschätzender Expertenpool ist. Insbesondere mit strategischen Lieferanten lassen sich gemeinsame Lösungsansätze entwickeln und Risikobewertungen vornehmen. In diesem Prozess sollte der Einkauf eine führende Rolle spielen.

Welchen Beitrag kann Digitalisierung für das Monitoring von Rohstoffpreisen leisten?

Das Monitoring von Rohstoffpreisen gehört ebenso wie das unaufhörliche Screening der Märkte, Lieferanten und Risiken zur originären Aufgabe eines professionellen Einkaufs. Digitalisierung erfüllt hierbei den Zweck, diese Prozesse möglichst effizient und transparent umzusetzen. Mit Hilfe digitaler Systeme lassen sich Preisrisiken schneller und umfassender erkennen als es mit herkömmlichen Methoden möglich wäre. Diese genauen Analysen sind dann die Basis für effektive Gegenmaßnahmen. Da es im Risikomanagement in der Regel darum geht, schnell handlungsfähig zu sein, sind digitale Systeme unabdingbar. Unsere Risikomanagementstudie 2021 zeigt, dass branchenunabhängig gut 60 Prozent aller Unternehmen Risiken systematisch erfassen und bewerten. Über 80 Prozent setzen mittlerweile digitale Tools ein – Corona hat hier einen massiven Schub ausgelöst. Einig sind sich die Unternehmen darin, dass das Thema Risikomanagement von übergeordneter Bedeutung für den Unternehmenserfolg ist. Über drei Viertel der Befragten bestätigen, dass sich durch professionelles Risikomanagement Versorgungsrisiken verringern lassen.