Vier Personen sitzen an einem langen Tisch bei einer Pressekonferenz.
Baurechtsexperte Michael Halstenberg, IFB-Direktorin Heike Böhmer, Arge-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und Arne Kleinhans, Leiter der Abteilung für Wohnen im Ministerium für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport in Schleswig-Holstein. (v.l.) (Quelle: Medienzunft Berlin | Tobias Seifert)

Branche im Blick 2026-07-10T07:46:55.283Z „Es darf nicht komplizierter werden, einfacher zu bauen“

Im Rahmen einer Pressekonferenz erläuterten Vertreter des Wohnungsbau-Institut Arge (Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen) des Landes Schleswig-Holstein und des Instituts für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen, warum es dringend ein Gesetz zum „Gebäudetyp E“ benötige. Arge-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer schilderten beim „Normen-Notruf“, dass zu viele und zu komplexe Normen den Neubau von Wohnungen bremsen. Beispiele aus Schleswig-Holstein und anderen Bundesländer würden hingegen zeigen, dass die Gesamtkosten im Neubau um rund 1.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gesenkt werden können, wenn „einfacher“ gebaut werde.

„Normen sind zunächst nichts Schlechtes, sie haben zwei Seiten – eine ermöglichende und eine verhindernde. Das Problem ist der Umgang mit ihnen und die Erwartungshaltung, die sie auslösen. Dabei hat nur ein Teil der Normen Gesetzesrang und ist zwingend anzuwenden, für den größeren Teil trifft das nicht zu“, betonte Arne Kleinhans, Leiter der Abteilung für Wohnen im Ministerium für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport in Schleswig-Holstein. So wurden nach Aussage der Experten 92 Normen gefunden, die durch ihre Novellierung zu einer Steigerung der Baukosten führen würden. Generell sei ein Fünftel der Kosten Normen geschuldet.

Doch Normen steigern nicht nur die Baukosten, ergänzte Heike Böhmer, sie versuchen teilweise auch steigende Schadenskosten. „Der VHV-Schadensbericht verdeutlicht, dass die erhöhten Anforderungen und die neue Anlagentechnik zu höheren Kosten im Schadensfall führen. Denn je komplexer das Bauen wird, desto geringer ist die Toleranz gegenüber Ausführungsfehlern“, erklärte die IFB-Direktorin. Ein Beispiel seien Feuchtigkeitsschäden durch die immer dichteren Gebäudehüllen, denn mit der üblichen Fensterlüftung hätten Bewohner kaum die Möglichkeit, die Feuchtigkeit aus den Räumen zu bekommen. Feuchtigkeitsschäden und Schäden an der Baukonstruktion machen nach Auswertungen des Bauforschungsinstituts fast zwei Drittel der Bauschäden aus, die durch Versicherungen reguliert werden.

Dass Normen sich sogar widersprechen können, verdeutlichte der Jurist und Baurechtsexperte Michael Halstenberg in seinen Ausführungen und nannte als Beispiel den Übergang zwischen Wohnung und Balkon: Schwellen bei Balkontüren dienen dazu, ein Eindringen von (Regen)Wasser in den Wohnraum zu verhindern. Gleichzeitig widerspreche diese Schwelle aber der Barrierefreiheit. Bei Fenstern sei es ähnlich, mit Standardfenstern sei es kaum darstellbar, sowohl die Vorgaben zum Schall- als auch zum Wärmeschutz zu erfüllen.

Der Baurechtsexperte benannte auch explizit das derzeitige Problem: „Wer ein Haus oder eine Wohnung verkauft, schuldet dem Kunden eine Immobilie nach dem üblichen Standard und den anerkannten Regeln der Technik.“ Der „übliche“ Standard liege jedoch deutlich über dem Mindeststandard, betonte die Runde bei der Pressekonferenz. Deswegen seien die Kosten im Wohnungsbau so stark gestiegen. „Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben. 20 Prozent des Kostenanstiegs gehen dabei auf das Konto des ständigen Nach-oben-Schraubens von Normenstandards. Konkret bedeutet das: Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht. Die Folge: Es wird weniger gebaut“, sagte Prof. Walberg.

Die Experten fordern deshalb die Politik auf, die Idee des „Gebäudetyp E“ umzusetzen und rechtlich abzusichern. „Wichtig dabei ist, dass es Erleichterungen und keine neuen rechtlichen Anforderungen gibt. Es darf also nicht komplizierter werden, einfacher zu bauen. Denn Projektentwickler und Bauunternehmer werden nicht einfacher und günstiger bauen, solange ihnen das rechtlich auf die Füße fallen kann. Wenn sie Klagen zum Beispiel wegen eines rechnerisch zu niedrigen Schallschutzes befürchten müssen und dabei im schlimmsten Fall den Umbau des Hauses riskieren, lassen sie die Finger davon“, führte Halstenberg aus. Deshalb müsse das Bauvertragsrecht dringend ein „Gebäudetyp-E-Update“ bekommen.

Das Bauen nach höheren Standards bleibe dabei weiterhin möglich, betonten die Experten. „Wenn der Bauherr am Ende mehr will, dann muss er einen höheren Standard bestellen und auch bezahlen. Aber es darf nicht länger einen ‚Nur-High-End-Standard‘ im Wohnungsbau geben. Ideal ist, wenn projektscharf entschieden wird, was nötig ist und was nicht“, fasste Prof. Walberg zusammen und brachte damit die sogenannte Leistungsphase 0 ins Gespräch.

Wie stark die „Normen-Flut“ den Wohnungsbau hemmt, wurde auch bei der 1. Deutschen Baunormen-Konferenz der beiden Bauforschungsinstitute diskutiert. Dazu kamen Spitzenvertreter von Politik aus Bund und Ländern, Bau- und Immobilienwirtschaft, Architektur, Bauplanung, Verwaltung und Wissenschaft im Humboldtforum in Berlin zusammen. Gemeinsamer Tenor aller Akteure: „Wir brauchen eine neue Planungskultur“. Weg von der Angst verklagt zu werden, hin zu einem neuen Miteinander, Vertrauen auf Ingenieurverstand, raus aus der Effizienzfalle und „einfach mal machen“. Ohne DIN-Normen gehe es dabei nicht, denn sie sorgen für Effizienz und (Rechts-)Sicherheit. Da waren sich alle einig. Über den Weg, wie Normen entstehen, wurde dagegen ausgiebig und kontrovers diskutiert. „Wenn man etwas weglässt, bekommt man selten Geld dafür“, sagte Prof. Elisabeth Endres. Umso wichtiger sei, dass sich alle Stakeholder in den Normungsprozess einbringen, um Fehlentwicklungen gemeinsam zu verhindern.

zuletzt editiert am 10. Juli 2026
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