Die gesetzlichen Vorgaben werden weiter anziehen – und damit steigt die Nachfrage nach barrierefrei gestalteten Bauprodukten und Ausstattungen. Quelle: Pixabay

Branche im Blick

11. January 2021 | Teilen auf:

Barrierefrei bauen – Wachstumsmarkt mit Potenzial?

Tanja Buß

Deutschland wird immer älter, doch wir fühlen uns immer jünger. Dennoch nimmt der Bedarf an barrierefreier, universeller Gestaltung zu. Doch wie sieht bedarfsgerechte Barrierefreiheit in der Praxis aus?

Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich in der angestammten Wohnung bleiben. Mit zunehmendem Alter sind Menschen jedoch eher pflegebedürftig. Das Pestel-Institut prognostiziert für 2050 rund fünf Millionen Pflegebedürftige und erwartet schon ab 2035 einen Ruhestandsbevölkerungsanteil von über 30 Prozent. Alter und Behinderung gehen oft einher, denn nur 3 Prozent der Behinderungen sind angeboren. In den allermeisten Fällen werden Behinderungen im Laufe des Lebens erworben, zum Beispiel durch Krankheit oder Unfälle. In Zukunft wird der Anteil der Menschen mit Bewegungs- und anderen Einschränkungen also stark zunehmen – mit entsprechenden Anforderungen an Städte, Infrastruktur und Gebäude. Welche Potenziale sich daraus ergeben und wie die verschiedenen Akteure davon profitieren können, zeigt die bfb-Trendstudie der Rudolf Müller Mediengruppe.

Vorzeitig barrierefrei bauen hilft Kosten zu sparen

In Zukunft wird der Anteil der Menschen mit Bewegungs- und anderen Einschränkungen stark zunehmen – mit entsprechenden Anforderungen an Städte, Infrastruktur und Gebäude. Quelle: Pixabay

Eine inklusive, barrierefreie Gestaltung ist Grundvoraussetzung für ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Teilhabe im Alter und/oder bei Behinderung. Darüber trägt sie dazu bei, Stürze zu vermeiden und dient so der Unfallprävention. Bei Eintritt einer Pflegebedürftigkeit, ist die ambulante Pflege innerhalb einer barrierefreien Wohnung einfacher und länger realisierbar als in einer nicht-barrierefreien Wohnung. Typische Knackpunkte sind hier neben Stufen und Schwellen meist zu kleine Bäder, die keinen Platz für die Unterstützung durch eine Pflegeperson bieten sowie mangelnde Bewegungsflächen und zu schmale Durchgänge, die die Nutzung von Rollatoren oder Gehhilfen erschweren oder unmöglich machen. Barrierefreier Wohnraum kann langfristig dazu beitragen, den Anteil der ambulant versorgten Menschen zu erhöhen und so Kosten in der Pflege und im Gesundheitswesen zu reduzieren. Obwohl die Vorteile auf der Hand liegen, wird barrierefreies Bauen noch allzu oft mit Kostensteigerung gleichgesetzt. Dabei steht Barrierefreiheit – bei sinnvoller und vorausschauender Planung – nicht per se im Widerspruch zu wirtschaftlichem Bauen.

Lohnende Investitionen für mehr Komfort, aber auch mehr Sicherheit

Ein Großteil der Ausstattungen zur Barrierefreiheit erhöhen den Komfort und die Sicherheit für alle und gehören in zunehmendem Maß zum Standard: Bodengleiche Duschen, früher nur in Bädern von Rollstuhlfahrern üblich, zählen dazu, ebenso Aufzüge und automatisch öffnende Türen zum Beispiel in Einkaufszentren. Diese Kosten allein der geschuldeten Barrierefreiheit anzulasten, greift daher zu kurz. Dennoch erfordert barrierefreies Bauen Mehrinvestitionen, beispielsweise durch ein Mehr an technischer Ausstattung (Aufzüge) oder Mehrflächenbedarfe, zum Beispiel durch größere Bewegungsflächen im Bad. Meist wird jedoch von zu hohen Kosten ausgegangen. Im Bereich des Wohnen geht es insbesondere um ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung – ein wesentlicher Baustein zu Bewältigung des demografischen Wandel. Aber auch öffentlich zugängliche Gebäude müssen barrierefrei sein – gerade hier werden die gesetzlichen Vorgaben zukünftig weiter verschärft werden.

Unklarheiten beim barrierefreien bauen erschweren die Umsetzung

Bei Auftraggebern und Planern herrscht oft Unsicherheit in Bezug auf gesetzlich geforderte beziehungsweise mögliche Standards (barrierefrei, barrierearm, seniorengerecht et cetera) und Fördermöglichkeiten. Hinzu kommen komplizierte, widersprüchliche Regelwerke – verbunden mit entsprechenden Haftungsrisiken auf Seiten der Planer und Ausführenden. Auch die Angst vor „Krankenhausdesign“ schreckt einige ab. Dabei gibt es bereits eine Vielzahl von Bauprodukten und Ausstattungen, denen man die Barrierefreiheit nicht ansieht, insbesondere im Sanitärbereich.

Enormes Potential für barrierefreie Bauprodukte und demografiefeste Ausstattung

Die Produktinformationen der Hersteller könnten aber besser sein, denn Informationen zur Eignung im Hinblick auf die verschiedenen Anforderungen an die Barrierefreiheit sind oft noch Mangelware. Die Auseinandersetzung mit den besonderen Bedürfnissen von älteren Menschen und die entsprechende Entwicklung universeller, nicht-stigmatisierender Produkte bieten noch ein enormes Potenzial.

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