Politik und Verbände der Bauwirtschaft sehen auch in Zeiten der Corona-Krise eine Fortsetzung der Baustellen in Deutschland geboten. Foto: Pixabay
23.04.2020 Corona

Weiterbetrieb in Zeiten von Corona

Bei Umsatz und Auftragsniveau kannte die Baubranche in den vergangenen Jahren nur einen Weg: nach oben. In dieser Hochphase sieht sich die Baubranche nun mit Corona konfrontiert, dessen Folgen noch nicht absehbar sind. Ein Überblick über die Lage.

2019 ist der Jahresumsatz im Bauhauptgewerbe um 5,1 Prozent gegenüber dem Jahr 2018 gestiegen. Damit erzielte das Bauhauptgewerbe im siebten Jahr in Folge einen Umsatzanstieg. Der anhaltende Immobilienboom in Deutschland trieb auch das Geschäft mit Baufinanzierungen. Es wuchs im vergangenen Jahr so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr, wie eine Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC von Anfang März zeigt. Demnach stieg das Kreditvolumen auf 1,3 Billionen Euro - ein Plus von 5,7 Prozent gegenüber 2018 und damit das höchste Wachstum seit Beginn der Statistik im Jahr 2003.

Die Bauwirtschaft war auf dem besten Weg, auch dieses Jahr zu einem Erfolg werden zu lassen. Wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, lagen die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe im Januar 2020 mit rund 6,4 Milliarden Euro nominal (nicht preisbereinigt) 9,1 Prozent höher als im Januar 2019. Das war der höchste jemals gemessene Wert an Aufträgen in der Baubranche in einem Januar in Deutschland. „Ja, wir sind mit vollen Auftragsbüchern in das Jahr gestartet. Mit über 52 Milliarden Euro lag die Auftragsreichweite bei cirka sieben Monaten. Und das Wetter hat auch wieder gut mitgespielt“, kommentierte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), am 25. März die Daten. Doch natürlich nicht, ohne auf das zu diesem Zeitpunkt längst alles bestimmende Thema einzugehen: „Mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Corona-Virus bleibt das allerdings nur ein guter Start, mehr jedoch nicht mehr. Jetzt kommt es darauf an den Corona-Virus einzudämmen, dem Land aber auch schnell wieder wirtschaftliche Stabilität zu verleihen und der Wirtschaft eine zeitliche Perspektive für einen Re-Start zu geben“.

In welchem Ausmaß sich die Corona-Krise langfristig auf die deutsche Baubranche auswirken wird, ist derzeit kaum absehbar. Eine Prognose, welche Effekte das Corona-Virus auf die Baubranche in 2020 haben könnte, wagen die Düsseldorfer Experten von Bau-Info-Consult (siehe Seite 28-29). Klar ist jedenfalls: Die Entwicklung trifft auch die Bauwirtschaft und die Liste der Auswirkungen ist lang, wie der ZDB betont. „Denn wenn bei der gewerblichen Wirtschaft Aufträge in Größenordnungen wegbrechen, werden Investitionen zurückgestellt, mit entsprechenden Auswirkungen auf den Wirtschaftsbau. Wenn Bauämter wegen des Corona-Virus nur schwach oder überhaupt nicht besetzt sind, dann werden keine öffentlichen Aufträge vergeben. Wenn Menschen mit plötzlicher Arbeitslosigkeit bedroht sind, werden sie kein Haus bauen oder Sanierungsarbeiten in Auftrag geben“, so Pakleppa.

Wenn Bauarbeiter selbst infiziert seien, würden ganze Kolonnen unter Quarantäne gestellt, Bauunternehmen könnten nicht mehr arbeiten, und damit könnten Aufträge nicht fristgerecht ausgeführt werden - mit entsprechenden Folgen. Zudem könnten rund 100.000 dringend benötigte Entsendearbeitnehmer nicht einreisen.

Auch der Bauherren-Schutzbund sieht materielle und personelle Engpässe auf die Baustellen im Zuge der Corona-Krise zukommen. Private Bauherren müssten sich deshalb auf eine Bauzeitverzögerung einstellen. „Montagearbeiter aus dem europäischen Ausland fallen aufgrund der aktuellen Einreisebestimmungen zunehmend aus“, sagt Florian Becker, Geschäftsführer des Bauherren-Schutzbund (BSB). Auch bei Produzenten von Baumaterialien mache sich die Corona-Krise bemerkbar. „Es kommt zu Lieferengpässen durch unterbrochene Lieferketten, fehlende Zulieferteile und personelle Ausfälle im Anlieferungsverkehr. „Beim typischen Einfamilienhaus bauen viele Gewerke aufeinander auf. Kommt es beispielsweise zu Terminverzögerungen bei Rohbauarbeiten kann der Elektriker nicht beginnen. Die Probleme potenzieren sich“, so Becker.

Bauunternehmen wie die Schweizer Firma Implenia vermelden ebenfalls Einschränkungen im deutschen Baustellenbetrieb, da teilweise Verzögerungen durch Probleme mit Subunternehmern und Lieferanten entstünden.

Deutschlands Baustellen bleiben offen

Positiv ist: Auf den deutschen Baustellen darf weiter gearbeitet werden. Auch wenn der Betrieb aufgrund fehlender Genehmigungen, Material und ausländischer Arbeitskräfte mancherorts eingeschränkt ist, bleibt die Baubranche von einem fast völligen Stillstand, der Länder wie Frankreich und Italien ereilt hat, bisher verschont.

In einem Rundschreiben hatte das Bauministerium am 23. März informiert, dass „die Baustellen des Bundes möglichst weiter betrieben werden. Baumaßnahmen sollen erst eingestellt werden, wenn behördliche Maßnahmen dazu zwingen (zum Beispiel Betretensverbote) oder aufgrund behördlicher Maßnahmen ein sinnvoller Weiterbetrieb nicht möglich ist (zum Beispiel weil überwiegende Teile der Beschäftigten des Auftragnehmers unter Quarantäne gestellt worden sind). Dies ist eine Frage des Einzelfalls.“

Ein Aufatmen dürfte zudem am 25. März durch die Baubranche gegangen sein, als der Erlass des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) über die Fortführung der Baumaßnahmen im Hochbau, Straßenbau und Wasserbau bekannt gegeben wurde. „Die Weiterführung und Neuausschreibung von Infrastrukturbaustellen ist eine wesentliche Stütze der Binnenwirtschaft, die es aufrechtzuerhalten gilt“, sagte dazu Reinhard Quast, Präsident des ZDB.

Wie die Verbände der Bauwirtschaft in einer Pressemitteilung erklärten, stimmen sie mit Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, in der Meinung überein, dass eine Fortsetzung der Baustellen auch in Zeiten der Corona-Krise in Deutschland geboten ist, um die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur in Deutschland weiter zu erhöhen. Diese Leistungsfähigkeit sei für die Bevölkerung und die Wirtschaft notwendig, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise schnell überwinden zu können. „Nur so ist es uns möglich, dass wir in solch schwierigen Zeiten dafür sorgen können, dass die systemrelevanten Bereiche wie Telekommunikation, Mobilität oder Energiegewinnung sowie Ver- und Entsorgung weiter funktionieren“, so Peter Hübner, Präsident Hauptverband der Deutschen Bauindustrie.

Corona-Vorbehalt

Auf Zustimmung der Verbände stieß auch ein weiterer Erlass des Bundesbauministeriums Ende März zur Vergabe während der Corona-Krise. Demnach soll bei den Baumaßnahmen des Bundes weiter ausgeschrieben und geplant werden. Zudem soll eine Klausel zum Umgang mit Bauablaufstörungen durch die Corona-Pandemie aufgenommen werden, die Fristverlängerungen für die Fertigstellung der Bauleistungen ermöglicht. Auch sollen schon heute bei Ausschreibungen großzügige Angebots- und Ausführungsfristen vorgesehen werden.

„Es ist gut, dass weiterhin ausgeschrieben und geplant werden soll und Ausnahmeregelungen für Verzögerungen durch die Corona-Pandemie geschaffen werden. Damit ebnet die Bundesregierung schon jetzt den Weg für einen Re-Start, um die Volkswirtschaft konjunkturell wieder anzukurbeln“, kommentierte Pakleppa. „Die vielen mittelständischen Bauunternehmen in Deutschland, die mit ihrer regionalen Verankerung hierzu einen wichtigen Beitrag leisten können, erhalten so Planungs- und Rechtssicherheit“, führte der Hauptgeschäftsführer des ZDB weiter aus.

Baubranche kann zum Konjunktur-Motor werden

Obwohl es wie weiter oben im Text beschrieben zu Einschränkungen im Baustellenbetrieb kommt, scheint die Versorgung mit Baustoffen weiter größtenteils zu funktionieren. Die Baustoffbranche meldet bisher volle Lieferfähigkeit und der Geschäftsbetrieb läuft weiter, wenn auch unter zunehmend erschwerten Umständen.

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Bleibt die große Frage, wie lange die gesetzlichen Beschränkungen in Deutschland bestehen bleiben. Eine dreimonatige Teilschließung der Wirtschaft könnte Deutschland 700 Milliarden Euro kosten, hat das Ifo-Institut aktuell ausgerechnet. Je länger die Ausnahmesituation anhält, desto größer, so die Befürchtungen, wird auch die Bauwirtschaft betroffen sein, wenn auch mit deutlicher Verzögerung. Ein wichtiges Datum in dem Zusammenhang hat das Kanzleramt genannt: Bis mindestens zum 20. April wird es keine Lockerungen der bestehenden Einschränkungen geben. Danach entscheidet die Politik erneut, ob Maßnahmen gelockert oder möglicherweise noch verschärft werden.

Dass die Zeit nach dem Lockdown für die Baubranche auch Chancen bieten kann betont etwa Dr. Hannes Zapf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau: „Schon nach der Banken-Krise 2008 hatte sich gezeigt, dass die regionale Wirtschaft am schnellsten wieder anspringt. Bereits damals zählte der Bau zu den ersten Branchen, die Fahrt aufgenommen haben. Wenn die Politik die Weichen richtig stellt, kann die Baubranche wieder zum Konjunkturmotor für das ganze Land werden.“

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