Das Eurobaustoff-Zentrallager Nord bedient 63 Gesellschafter mit 183 Standorten, flächendeckend über Norddeutschland verteilt. Foto: Eurobaustoff

Eurobaustoff-Zentrallager in der Vorreiterrolle

Eine zentrale Herausforderung für den Baustoff-Fachhandel ist die Optimierung der Logistikprozesse. Hier sieht sich das Eurobaustoff-Zentrallager in Sittensen in einer Vorreiterrolle. Grund genug für ein Gespräch mit Geschäftsführer Ralf Gräbe, zugleich Sprecher der Arbeitsgruppe Logistik im Gesprächskreis Baustoffindustrie/BDB.

baustoffmarkt: Eurobaustoff implementiert derzeit den ersten Echtbetrieb von DESADV (elektronisches Lieferavis) und NVE (Nummer der Versandeinheit) im Zentrallager Nord in Sittensen. Was ist die Idee hinter dem Projekt?

Ralf Gräbe: Zunächst darf ich Ihnen sagen, dass wir uns freuen, am 27. September 2018 vor der Arbeitsgruppe für Logistik im Gesprächskreis einen funktionierenden Ablauf mit DESADV und NVE präsentiert zu haben. Die Präsentation hat gezeigt, wie im Wirtschaftsbereich Bau elektronische Prozesse umgesetzt werden können, die in anderen Branchen längst gang und gäbe sind. Die EDIFACT  – Geschäftsvorfälle Auftrag (ORDERS), Auftragsbestätigung (ORDRSP) und Lieferavis (DESADV) sind grundlegend für den vollelektronischen Informationsfluss in der Lieferkette.

Nun zur Frage: Die Grundidee ist ein komplett elektronischer Prozess in der supply chain. Die Industrie erhält die Aufträge vom Handel im ORDERS-Verfahren. Die Aufträge sind nach den Vorgaben der GS1 – Köln standardisiert und werden von der Auftragserteilung im Handel bis hin zur Warenvereinnahmung im Lager des Handels ohne händische Eingriffe gesteuert. Dabei hat der Lieferant den Vorteil, per ORDERS empfangene Aufträge nicht mehr erfassen zu müssen. Das spart Aufwand, Kosten und verhindert Erfassungsfehler.

Im Gegenzug zieht der Handel einen Vorteil durch die maschinelle Verarbeitung der Bestellbestätigung ORDRSP und des Lieferavis DESADV. Die händische Gegenprüfung der eingegebenen Ware mit dem erteilten Auftrag wird automatisch durchgeführt. Im DESADV wird maschinenverarbeitbar gemeldet, welche Artikel auf welcher Palette liegen. Die Palette wird durch die NVE, Nummer der Versandeinheit, identifiziert und kann durch einfachen Scannerclick vereinnahmt werden. Damit entfällt der zurzeit noch übliche Papierkrieg, zudem werden Aufwand und Kosten gespart und Fehlermöglichkeiten eliminiert. Dementsprechend entsteht auf Handels- und Industrieseite eine Win-win-Situation, und beide finden den Anschluss an längst laufende digitale Prozesse.

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Das Eurobaustoff-Zentrallager Nord liefert bei Bedarf auch werktäglich per Nachtanlieferung. Foto: Eurobaustoff

baustoffmarkt: Was sind die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Systeme?

Ralf Gräbe: Die Erkenntnis, dass die grundlegenden Artikelstammdaten keinen signifikanten Wettbewerbsvorteil darstellen und damit als branchenweiter Standard verwendet werden können, ist eine der Grundvoraussetzungen für die Digitalisierung. Zurzeit befinden wir uns noch am Anfang der Entwicklung. Pilotanwender aus Industrie und Handel haben sich zur Mitarbeit bereit erklärt. Hierzu ist noch eine Anmerkung zu machen: Die Warenwirtschaftssysteme der Industrie sind naturgemäß auf die Optimierung der eigenen Logistik ausgerichtet. Entsprechend sind sehr viel mehr Warenwirtschaften der Industrie in der Lage, einen Auftrag im ORDERS-Verfahren zu verarbeiten. Das spart Kosten im eigenen Unternehmen, aber was ist mit den nachgelagerten Stufen in der Versorgungskette? ORDRSP, DESADV werden von den wenigsten Lieferanten zur Verfügung gestellt – geschweige denn die von der GS1 (ehem. CCG) als Standard vorgeschriebene NVE-Etikette. Hier ist dringend nachzubessern.

Die Problematik, nach der Sie fragen, wird wohl in der „Trägheit der Massen“ liegen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Nur, der Zug der Digitalisierung ist längst in Bewegung. Es kommt also darauf an, mit im Zug zu sitzen und eben nicht auf dem Bahnsteig zu stehen und zuzusehen, wie die rote Laterne immer kleiner wird.

baustoffmarkt: Wie ist das weitere Vorgehen nach einem erfolgreichen Pilotbetrieb?

Ralf Gräbe: Wir gehen davon aus, dass wir das System zunächst mit den Zentrallägern erproben und es dann unseren Baustoff-Fachhändlern zur Verfügung stellen. Hierbei wird es darauf ankommen, durch Standardisierung möglichst viele der unterschiedlichen im Baustoffhandel gebräuchlichen Warenwirtschaftssysteme anzubinden.

baustoffmarkt: Wo sehen Sie aktuell neben der Rationalisierung der Prozesskette die größten Herausforderungen für den Baustoffhandel im Bereich Logistik?

Ralf Gräbe: Vor allen anderen Schwierigkeiten hat der Fachkräftemangel in der Logistik die größte Bremswirkung. Das gilt nicht nur für Kraftfahrer, sondern auch für Lager-Facharbeiter, also den freundlichen Staplerfahrer, der mit Produktkenntnissen den Kunden die bestellten Artikel aus dem Lager holt und fachgerecht übergibt. Hier ist wegen der vorhandenen Alterspyramide eine Verbesserung nicht zu erwarten – im Gegenteil. Übrigens: Die Wichtigkeit von Produktkenntnissen nimmt im digitalen Prozess immer weiter ab.

Das nächste Problem liegt in der Leistungsfähigkeit des Straßennetzes. Binnenschiff und Bahn fallen für Baustofftransporte weitgehend aus, und die LKW-Kolonnen stehen kilometerlang vor und in Baustellen, in denen nicht gearbeitet wird. Hier konkurrieren „Baustoffe“ mit allen anderen Gütern, die ebenfalls über die Straße transportiert werden müssen. Die verbesserte Nutzung vorhandenen Transportraums ist technisch möglich, in der Breite aber nicht erprobt. Vermutlich werden zukünftig im Stückgutbereich weniger Transporte vom Werk zur Baustelle und zum Handel durchgeführt. Das örtliche Handelslager muss dann die Warenversorgung in der Region sicherstellen. Dies setzt allerdings eine Änderung der Konditionssysteme der Industrie voraus. Die „Dieselproblematik“ führt zur Verunsicherung der Branche. Elektrisch betriebene LKW mit Kran sind ebenso Zukunftsmusik wie elektrifizierte Autobahnen, Platooning, selbstfahrende Fahrzeuge oder Lieferung mit Drohnen durch die Luft.

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Seit vielen Jahren ist Ralf Gräbe für die Baustoffbranche im Bereich Logistik aktiv, unter anderem als Sprecher der Arbeitsgruppe Logistik im Gesprächskreis. Foto: Eurobaustoff

baustoffmarkt: Insgesamt nutzen 63 Gesellschafter der Eurobaustoff mit 183 Standorten das Zentrallager Nord. Welche Dienst-leistungen werden besonders nachgefragt?

Ralf Gräbe: Die Hauptaufgabe liegt nach wie vor in der Gründungsidee, Baustoffe im Großen einzukaufen und diese den Baustoff-Fachhändlern in der benötigten Menge zuzuführen, und zwar schneller, als die Industrie es kann. Das heißt: In der Spitze erhält ein Gesellschafter mit hohem Bedarf werktäglich per Nachtanlieferung eine Ladebrücke mit der Ware, die er am Morgen bestellt hat.

Wir bieten aber weitere gern genutzte Dienstleistungen an: Beim Mitbezug werden nicht am Lager vorhandene Artikel bei gelisteten Lieferanten beschafft. Beim Cross-Docking wird das Zentrallager als Umschlagplatz für Baustoffe genutzt, die nicht eingelagert sind. Absender können dabei Lieferanten, aber auch Gesellschafter sein. Beim Tracking and Tracing ist der Gesellschafter über die Eintreffzeit seiner Bestellung per E-Mail informiert. Darüber hinaus bieten wir die Bearbeitung der digitalen Tachodaten unserer Gesellschafter.

Zu den logistischen Dienstleistungen kommt noch die extrem wichtige Kumulierungsfunktion im Einkauf des Zentrallagers. Hier werden Zentrallager- und Streckenbedarfe unserer Gesellschafter zusammengefasst und der Industrie angeboten.

baustoffmarkt: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wie sieht die Baustoff-Logistik in fünf Jahren aus?

Ralf Gräbe: In fünf Jahren hat sich die Branche auf die digitalen Herausforderungen, auch durch den stärker werdenden Onlinehandel, eingestellt. Die großen Kooperationen und die Handelskonzerne stellen den angeschlossenen Häusern alle notwendigen Anwendungen zur Verfügung. Innovationsfreudige Unternehmen haben die supply chain bereits bis zu den Verarbeitern digitalisiert. Größere Standorte arbeiten mit einem Lagerverwaltungsystem, das Bestandsgenauigkeit und interne Prozesse entscheidend verbessert. Für filialisierte Baustoffhändler gilt, dass die Transportfahrzeuge durch den Einsatz von Optimierungsprogrammen zentral eingesetzt werden. Die Zeiten aneinander vorbeifahrender Lieferfahrzeuge eines Unternehmens aus unterschiedlichen Filialen sind dann vorbei.

Das Handelslager erlebt einen Aufschwung. Als Grundlage für die Distributionsfunktion des Handels ist das lokale Handelslager eine leistungsfähige und kostengünstige Lösung zur Sicherstellung der Warenverfügbarkeit vor Ort. Gleiches gilt für die Zentrallager des Handels. Stückguttransporte im großen Stil ab Werk zur Baustelle oder zum Handelslager können wirtschaftlich sinnvoll nicht mehr durchgeführt werden. Besondere Vorsicht gilt aber vor der Dynamik der Paketdienstleister und ihrem Auftraggeber, dem Onlinehandel.

Am Diesel wird, da wir elektrische Energie nicht hinreichend speichern können, auch in fünf Jahren kein Weg vorbeiführen. Dass in nennenswerter Länge, auf leistungsfähigen Straßen, LKW aus elektrischen Oberleitungen ihre Energie beziehen, ist wenig wahrscheinlich. Wegen der überfüllten Straßen werden Containersysteme und Lieferungen außerhalb der Stoßzeiten zunehmen.

 

Die Fragen stellte Alexander Kirschbaum