Die Zukunftskolumne - von Matthias Horx

- "Die Natur bringt auch nicht alle Jahre eine ganz neue Spezies hervor." - Matthias Horx
September 2010
Die Innovations-Illusion
Wie Innovation ihren Charakter evolutionär verändert
Wenn irgendwo im Lande von Innovation die Rede ist, werden unentwegt emphatische Reden gehalten, Toasts ausgebracht, Subventionen gefordert und Spesen verzehrt. Dass Innovation – und nicht mehr Produktion – den "Schlüssel zu unserer Zukunft" darstellt, kann niemand ernsthaft bestreiten. Aber ist unser Bild davon, wie "Innovation" funktioniert, noch zeitgemäß? Als Währung für Innovation gilt immer noch die Zahl der Patentanmeldungen. Doch die Zeiten, in denen der einsame Ingenieur im Keller oder der geniale Chemiker im Labor "Heureka" rief und mit einer brandneuen Methode die Welt beglückte, sind vorbei. Selbst die viel gerühmte Grundlagenforschung kommt immer seltener auf einen grünen Zweig. Innovation ist immer seltener Erfindung. Und immer mehr Evolution. Immer weniger Geniestreich. Und immer mehr Kollaboration.
Ein Großteil aller gelungenen Innovationen basiert auf ständiger gradueller Verbesserung. Die "Hidden Winners" unserer Industrie haben nichts anderes getan, als über Generationen hinweg Gabelstapler, Zahnbürsten, Autos, Gartengeräte, Kühlschränke so lange zu verfeinern, bis echte Kultgeräte und Exportschlager daraus wurden. So gut, dass selbst die Chinesen sie nicht mehr einfach kopieren konnten.
Disruptive Innovationen - Neuheiten, die ganze Märkte durcheinanderwirbeln – sind selten geworden. Ihr Entstehen ist jedoch nie rein technischer Natur. Beispiele wie iPhone und iPad zeigen, wie radikale Innovationen einem "Rekombinations-Denken" entspringen, verbunden mit intensivster Kommunikation mit Kunden. Und erleuchteter Analyse von Marktumfeldern.
Design-Innovationen beschränken sich heute nicht mehr nur auf die äußere Form. James Dyson, der Erfinder des beutellosen Staubsaugers, ist zwar Ingenieur und Tüftler, sieht aber seine Produkte stark von einem ganzheitlichen Design-Standpunkt her. Viele Produkte werden erst zu Innovationen, wenn sie mittels einer neuen Formensprache mit der Außenwelt zu kommunizieren beginnen.
Der Management-Publizist Kirk Cheyfitz hat in seinem Buch "Thinking Inside the Box" schon vor einigen Jahren die weit verbreitete Innovations-Esoterik angegriffen. Nach dieser Doktrin sollen wir ständig "radikal anders", "außerhalb der Box" und möglichst "quer" denken. Klingt gut, ist aber meistens nur heiße Luft. Die meisten Unternehmen wären besser beraten, ihre Hausaufgaben zu machen – also das, was sie tun, eleganter, schöner, effektiver zu machen. Die Natur bringt auch nicht alle Jahre eine ganz neue Spezies hervor. Sie rekombiniert nur bisweilen das, was sie schon kann – Augen, Ohren, Nasen, Gehirne, Nervensysteme –, zu ganz erstaunlichen Schöpfungen. Zu innovierenden Menschen zum Beispiel.
Herzlich, Ihr
Matthias Horx
Die Kolumne ist Teil des "Zukunftsletters", der vom VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft und dem Zukunftsinstitut herausgegeben wird. Mehr Informationen dazu auf www.zukunftsletter.de.
Über den Autor:
Matthias Horx, Jg. 1955, ist der profilierteste Redner zum Thema Zukunft und Trends im deutschsprachigen Raum. Er war zwölf Jahre lang als Journalist und Publizist für Zeitschriften wie Zeit, Merian und Tempo tätig, bevor er Anfang der 90er Jahre das Trendbüro mitbegründete. Seit 1998 ist er Inhaber des von ihm gegründeten Zukunftsinstituts mit Sitz in Kelkheim und Wien. Er gibt monatlich den Zukunftsletter im VNR-Verlag heraus und mit inzwischen 15 Buch-Publikationen wurde er auch einem breiten Publikum bekannt.
Fotoquelle:
Foto im Teaser: ©Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.zukunftsinstitut.de), Foto: Klaus Vyhnalek








